Franks Tour von 1966 bis heute...


Frank: 1967, 1972, 1985, 1997, 2005
Frank 1967 - 1972 - 1985 - 1997 - 2005


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Meine Lehre und der daraus entstandene "Urschrei"...




Ich habe ja den Beruf des Tischlers gelernt. Im August 1982 beging ich meine Lehre in Dortmund Eichlinghofen. Meine Lehrmeister waren zwei Brüder. Der eine war mehr für die Werkstatt, der andere mehr für die Baustellen zuständig.

Natürlich war am Anfang alles so neu und ungewohnt. Ich war doch noch so müde und das Arbeiten gar nicht richtig gewohnt. Schon am Anfang habe ich gleich mit voller Wucht zu spüren bekommen, warum ich eigentlich nicht direkt als Geselle geboren wurde.

Wie es nun mal bei jungen Revolutzern so war, wollte ich, der "geborene Geselle", gleich als erstes meinen Meister zeigen, wie ich mir die Lehre eines Tischlers so vorstelle.

Ja, so mussten sich Marx und Engels bei Fassung ihres Manifestes gefühlt haben, als ich bereit war die Revolution auszusprechen und diese auch anzuführen. Hauptpunkt meiner Bedingungen war das Recht des längeren Schlafens und die Verlängerung der Pausen. Auch sollten die schweren, körperlichen Arbeiten, wie Nägel einschlagen und Schrauben eindrehen, bei jungen, übermüdeten und kraftlosen Lehrlingen gänzlich abgeschafft werden.
Kurz, der Lehrling von damals sollte eine ruhige und bedächtige Lehre absolvieren können. Dafür wollte ich kämpfen. Meine Karriere als Revolutionsführer sollte sich schließlich als nicht so glorreich, und nicht für die Ewigkeit geschaffen, entwickeln.

Eines Morgens war es so weit. An einem klaren, kühlen Herbstmorgen, meine Augen hatten sich noch nicht ganz an das grelle Licht gewöhnt, bin ich mit meinem Meister zur Baustelle gefahren. Nur der Meister und ich. Ohne einen Gesellen. Der Zeitpunkt war günstig um die Revolution auszurufen. Innerlich hatte ich sie sowieso schon begonnen.

Kaum waren wir an der Baustelle angekommen, gab mir mein Meister die Anweisung Gips anzurühren und die Schraubenlöcher, der bereits verschraubten Gipskartonplatten, unter der Decke zu verspachteln.

"Köperlich Arbeiten ?!"

Das war´s. Ich wollte gerade die Bedingungen zur Beendigung meiner Revolution aussprechen, da sagte mein Meister, das er nochmal wegfahren müsse. Meine Revolution geriet ins Stocken. Wem sollte ich nun meine Bedingungen stellen. Wer wird nun Zeitzeuge meines Kampfes ?

Kaum hat der Meister den Raum verlassen, besinnte ich mich auf den Kernpunkt meiner Revolution. Der Ruhe und Bedächtigkeit. Also machte ich es mir am Fenster so richtig gemütlich. "Der Gips kann ja auch noch nach meiner Entspannung an die Decke gebracht werden" dachte ich mir. So träumte ich von der ausgebrochenen Revolution.

Plötzlich ein unerwartetes Geräusch. Hatten die Gegner etwa Waffen ? Hatte die "Konterrevolution" begonnen ? Nein, es war mein Meister !! Auf einmal stand er hinter mir. Mein Aufstand wurde schlagartig und lautstark beendet.
Man muss wissen, das mein Meister etwa 3,80m groß war und 2,50m breite Schultern hatte. An das, was nun aus ihm herausgebrüllt kam, kann ich mich nur noch ganz schwach erinnern. Jedenfalls sollte ich ihm dabei "immer in die Augen gucken, wenn er mit mir redet" meinte er. Es fiel mir aber sehr schwer bei solch einem "Urschrei" (so etwa muss sich auch der "Urknall" angehört haben) auch noch in riesige, blutunterlaufende Augen zu starren. Das brachte meinen Meister noch mehr in Fahrt. Die Apokalypse war da.
Und kann sich jemand nur annähernd vorstellen, wie das ist, wenn sich vor einem eine riesige Wand aufbaut ? Wenn der Mount Everest noch einmal in Zeitraffer entsteht? Und dazu einem orkanartige Worte entgegen fegten ? Es war die Hölle. "Ade meine schöne Revolution".

Nachdem sich der Sturm wieder gelegt hatte musste ich im Dauerlauf die Sachen für das Gipsen zusammenstellen und mein Meister lies mich wieder alleine zurück. Ich wusste ja, was ich zu erledigen hatte. Noch völlig verstört und ausgelaugt von der Revolution machte ich mich mühsam ans Werk.

Also, man nehme ein leeren 10 Liter Eimer, etwas Wasser und Gips. Schütte das Wasser in den Eimer und füge dann den Gips hinzu. Sollte, so wie bei mir, zuviel Gips hinzugekommen sein, gebe man noch etwas Wasser hinzu. Sollte dann wiederum zuviel Wasser hinzugefügt sein, gebe man wieder etwas Gips hinzu. Einfache Sache. Klasse. Ich war der König unter den Gipsanrührern, so etwas wie der Anführer einer Revolution. Ja, es war der schiere Wahnsinn. Wasser, Gips, Wasser, Gips, Gips leer! Die Tüte mit dem Gips war leer. Der 10 Liter Eimer voller halb vertrockneten Gips und die Tüte war leer. Kein Gips mehr da. Womit sollte ich nur die ganze Decke verputzen. Gleich kommt der Chef zurück und ich hatte kein Gips mehr. Es war eine riesige Katastrophe.

Doch die Mutter aller Katastrophen nahte herbei. Da stand mein Meister. Ein riesiger Fels zwischen den Türpfosten. Er wirkte etwas ratlos und ein wenig verstört. Im muß wohl ziemlich schlecht geworden sein, als er mich völlig mit Gips verschmiert, dem vollen 10 Liter Eimer und die leere Gipstüte gesehen hat. Allmählich beging er wohl die Lage zu überblicken. Er bekam wieder eine kräftige Farbe ins Gesicht und holte tief Luft. Sein Körper fing langsam und unkontrolliert an zu beben. Leichte Schweißperlen bildeten sich auf seine Stirn. Mit der Kelle in der Hand winkte ich ihm noch zu und sagte "Hallo Cheffe !".
Und wieder kann ich mich nur ganz schwach an das erinnern, was nun aus ihm herausgebrüllt kam. Da waren Worte wie "sinnlos", "unfähig", "zu nichts nutze" und andere lautstarke Bemerkungen. Natürlich musste ich ihm wieder dabei in die Augen gucken.
Ich bekam vorgerechnet was diese Matsche gekostet hat und eine Lehrstunde in Sachen Gipsverarbeitung vom Meister persönlich. Und es stellte sich heraus, das ich für die gesamte Decke vielleicht eine Tasse voll Gips benötigt hätte. Ja, ich hatte eine klugen und weisen Meister.

Aber woher sollte ich dieses auch nur wissen, schließlich war ich anfangs ganz und gar mit meiner Revolution beschäftigt.
Nun, nachdem meine Revolution abgewendet wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als mich aus dem Exil heraus mit dem Feind zu verbünden. So beging dann doch noch eine harmonische und friedliche Lehre. Der "Urschrei" sollte nur noch zweimal in den nächsten Jahren erfolgen. Aber da kann ich mich nur noch sehr, sehr schwach erinnern. Ach ja, in die Augen habe ich ihm dabei immer gucken müssen.

so long, Fränkie

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